Hofkultur übersetzen

Smarty: … zum Beispiel auf diesen beiden Stichen, die Audienzen am Hof zeigen.


 

Audienz von Maria de' Medici in ihrem Schlafzimmer in London
Aus: Jean Puget de La Serre, Histoire de l’entrée de la Reyne, meere du Roy très-chrestien, dans la Grande-Bretaigne, London 1639.
Audienz von Maria de' Medici ihrer Presence Chamber in London
Aus: Jean Puget de La Serre, Histoire de l’entrée de la Reyne, meere du Roy très-chrestien, dans la Grande-Bretaigne, London 1639.

BILDQUELLE: Bibliothèque nationale de France


Shorty: Lassen Sie mich raten: das linke Bild zeigt einen französischen Hof und das rechte eine englische Imitation.

Smarty: Wie kommen Sie darauf?

Shorty: Auf dem linken Bild sind diese Blumen-Motive an der Wand abgebildet, die lassen mich immer an Frankreich und den Absolutismus denken.

Smarty: Da haben Sie Recht, die Fleur-de-Lys ist ein französisches Herrschaftssymbol. Tatsächlich zeigen aber beide Stiche einen englischen Hof.

Shorty: Oh, jetzt sehe ich auch, dass auf dem rechten Bild unten ‚S. James‘ geschrieben steht. Das ist doch ein Palast in London. Aber warum wird der mit französischen Symbolen dargestellt?

Smarty: Genau richtig, St. James’s Palace ist ein Palast in London und war eigentlich die Residenz des englischen Thronfolgers. Charles I. stellte ihn aber 1639 seiner Schwiegermutter Maria de’Medici zur Verfügung, die aus Frankreich vertrieben worden war und nun Exil in England suchte. Beide Stiche zeigen ihre Audienzen.

Shorty: Ich dachte, die Medici seien diese sehr reichen Italiener? Warum wird Maria dann mit französischen Symbolen gemalt?

Smarty: Maria de’Medici entstammte in der Tat der wohlhabenden Florentiner Familie Medici, sie war allerdings nach ihrer Heirat mit dem französischen König Henrich IV. im Jahr 1600 Königin von Frankreich und regierte sogar zwischen 1610 und 1617.

Shorty: Wie kommt das?

Smarty: Heinrich war 1610 ermordet worden, der Thronfolger blieb aber bis 1614 minderjährig und Maria gelang es danach, noch einige Jahre ihre Herrschaftsbefugnisse zu behalten.

Shorty: Und der Thronfolger war…?

Smarty: Ludwig XIII.

Shorty: Also noch nicht der ‚Sonnenkönig‘?

Smarty: Nein, das war Ludwig XIV. Unser Ludwig war dessen Vater, und seine jüngste Schwester, Henrietta Maria, heiratete 1625 Charles I von England.

Shorty: Also schon wieder diese Vetternwirtschaft…

Smarty: Henrietta Maria und ihre Mutter waren sehr interessiert an der französischen und italienischen Kunst, was sich gut traf mit den Vorlieben von Charles I., der als junger Mann nach Spanien gereist und seither von der kontinentaleuropäischen Kunst begeistert war.

Shorty: Und deswegen wurde dann die französische Kunst auch in England einflussreich und beliebt?

Smarty: Genau. Die Kulturen Frankreichs, Spaniens und Italiens hatten gleichzeitig auch Einfluss auf viele englische Höflinge, die Europa bereist hatten, aber Henrietta Maria und Maria de’Medici waren entscheidend für die weitere Etablierung dieses Einflusses.

Shorty: Zeigt sich das in den Kupferstichen noch anders als durch die Fleur-de-Lys an den Wänden?

Smarty: Ja, tatsächlich. Wenn Sie beide Stiche genauer ansehen, stellen Sie fest, dass dort unterschiedliche Zimmer dargestellt werden: Links die Presence Chamber der Maria de’Medici mit dem Thron unter einem Baldachin, rechts ihr Paradeschlafzimmer.

Shorty: ‚Paradeschlafzimmer‘ klingt sehr offiziell.

Smarty: Ganz genau. Sowohl Paradeschlafzimmer als auch Presence Chamber waren Räume mit repräsentativen Funktionen. Dort wurden zum Beispiel Audienzen, wie sie auf den Stichen abgebildet sind, abgehalten.

Shorty: Und davon hatte sie gleich zwei?

Smarty: Das ist der springende Punkt: Die Presence Chamber war typisch für englische Paläste, das Paradeschlafzimmer für französische. Dass Marias Appartement im St. James’s Palace beides hatte, ist eine völlig neue Art der Raumplanung in europäischen Palästen und kann als eine Art der kulturellen Übersetzungen verstanden werden.

Shorty: Man kombiniert also beide Traditionen und hat gleich den doppelten Prunk.

Smarty: Ja, so könnte man es sagen. Henrietta Maria hat es ihrer Mutter wohl gleichgetan und die Zimmer in ihren Residenzen auf ähnliche Weise einrichten lassen.

Shorty: Wie eine neue Mode, also…. Moment mal, ich habe eine Frage: Dass die französischen Könige katholisch waren, weiß ich. Aber für England habe ich keinen Überblick, da hat sich das ständig geändert. Welcher Konfession gehörte Charles I an?

Smarty: Aah, ihre Frage passt hervorragend zum nächsten Abschnitt der Ausstellung.


 

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